
Bei dem O-Ton-Hörspiel »Zur Sprache bringen...« machen "Menschen mit Möglichkeiten" Sprache als Geschichte sichtbar, als ihre Geschichte. Sie verfügen über ein individuelles Repertoire, das einer besonderen, einfühlsamen Begleitung und Förderung bedarf. Diese Kreativen verfeinern übend, erforschend ihren Umgang mit den Mitteln Artikulation und Musik. In ihrer überwältigenden Mehrheit strahlen die Bewohner des Benninghofs eine lebensbejahende spielerische Fröhlichkeit aus, eine enorme Vielfalt, Erfindungsreichtum und erfrischende Unbekümmertheit.
Diese Collage ist ein Platz für Geschichten außerhalb normierter Sprachregularien, ein Oszillieren zwischen Eigenart und Eigensinn. Man muß diese Menschen lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes Einzelnen einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen.
Es geht nicht darum, auf der Armseligkeit der Menschen herumzutrampeln und sich über sie lustig zu machen. Sondern eher darum, das wahre Leben abzubilden und zu zeigen, welche liebenswürdigen, tragikomischen Seiten das so genannte einfache Leben haben kann. Die Bewohner des Benninghofs sind interessant, weil sie anders sind als man selbst oder die Menschen, mit denen man zu tun hat. Und in ihrer Andersheit sind sie den "Normalen" in manchem doch gleich. Das verbindet.
Die O-Ton-Collage mit Bewohnern des Benninghofs zeigt einen Einblick in den Alltag behinderter Menschen. Diese "Menschen mit Möglichkeiten" versuchen den schweren Dingen Leichtigkeit zu geben und die Wortfolge: Selbstbestimmung, Assistenz und Integration mit Inhalt zu füllen, ohne dass der Zuhörer auf den Spaß verzichten muß. Und dieser Spaß geht nicht etwa auf Kosten der behinderten Menschen, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe.
Die Zurückhaltung von Tom Täger bei dieser Hör-Collage »Zur Sprache bringen...« weist ihn als Produzenten aus, der eine avancierte digitale Tontechnik nicht als Selbstzweck vorführt, sondern sich in vornehmer Zurückhaltung ganz in den Dienst einer Arbeit stellt, ohne ganz dahinter verschwinden.
Matthias Hagedorn
Link: Zur literaturpädagogischen Arbeit = www.vordenker.de/weigoni/mpaed.htm
Die CD "»Zur Sprache bringen...«" ist nurmehr in wenigen Exemplar erhältlich:
info@tonstudio-an-der-ruhr.de
A. J. Weigoni legt mit "Zur Sprache bringen" eine O-Ton-Collage vor, die nicht nur aufgrund des Stilmittels für die gewohnte Hörspielohren ungewöhnlich daherkommt. Denn nicht die Machart ist das Besondere, hier ist der Inhalt noch auffälliger. Weigoni lässt Menschen zu Wort kommen, denen in der Öffentlichkeit kaum ein Ohr geschenkt wird, die in der Gesellschaft quasi nicht stattfinden. Die Bewohner des Benninghofs, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen der Stiftung Hephata, sind hier die Akteure, den Weigoni eine Plattforrm bietet, sich Gehör zu verschaffen, um aus ihrem Leben zu berichten.
Zunächst wirkt es recht verstörend, was den Hörer da erwartet. Die Frage nach dem Motiv drängt sich auf. Will Weigoni hier tatsächlich nicht nur diese Menschen der Lächerlichkeit preisgeben? Die Vielzahl der vermeintlich lustigen Aspekte scheinen diese Vermutung zu bestätigen.
Aber ist es nicht vielmehr so, dass wir es nur lustig finden, weil uns die Welt fremder ist, als sie es sein sollte? Dieses Projekt ist wohl eher als ein Vorstoß in diese Welt abseits der unseren, eine Brücke hinüber, zu verstehen.
Nicht darüber, sondern mitlachen und ein Ohr für die Besonderheiten haben, die Talente und deren Andersartigkeit zu entdecken und anzuerkennen und ist vielleicht ein Weg mit "Zur Sprache bringen" umzugehen und dem Ziel des Werkes entgegenzugehen.
Auch wenn das Werk nicht in das hier übliche Bewertungsschema passt und eine Wertung mangels Aussage daher unterbleibt, kann ich "Zur Sprache bringen" durchaus empfehlen.
(c) Olaf von der Heydt auf hoerspieltipps.net - 23.01.2007
Pressestimmen – Zur Sprache bringen…
„Hier berichten behinderte Menschen, Bewohner des Benninghofs in Mettmann, aus ihrem Alltag oder erzählen Geschichten, die ihnen wichtig sind.“ (Rheinische Post)
„Menschen vom Rand der Gesellschaft erzählen, jeder ganz individuell, von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Wünschen.“ (fifty-fifty - das Straßenmagazin)
„Es sind Geschichten zwischen Eigenart und Eigensinn. Ihren Beobachtungen und Lebensgeschichten liegt eine ganz eigene Wahrnehmung zugrunde.“ (DeutschlandRadio, Berlin)
„Diese Collage ist ein Platz für Geschichten außerhalb normierter Sprachregularien, ein Oszillieren zwischen Eigenart und Eigensinn.“ (Radio Journal)
„Indem die Sprechenden, als durchaus selbstbewußte (Selbst)-Darsteller, oft „normal“ wirken, machen sie deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Behinderung und Normalität sind, sofern man nicht beide Begriffe an sich fragwürdig findet.“ (www.lyrikwelt.de)
„Geschichten aus ihrem Leben erzählen die 50 Teilnehmer, über eigene Erlebnisse, Dinge, die sie bewegen. Drei Monate dauerten die Aufnahmen , ging Andreas Weigoni mit dem Aufnahmegerät zu den Behinderten, sammelte O-Töne, besuchte sie an ihrem Arbeitsplatz.“ (WAZ)
„Mit diesem Projekt wird behinderten Menschen die Möglichkeit zu einer Medienerfahrung gegeben. Denn eine Selbstdarstellung in einem Medium wie Radio oder Fernsehen bedeutet immer Anerkennung für die betreffende Person. Man wird wahrgenommen.“ (NRZ)
„Wer sich auf das Hörspiel einlässt, wird nach kurzer Zeit an dem wechselnden Spiel von Spaß und Ernst seine Vergnügen haben. Mit eigenwilliger Komik gelingt hier die Gratwanderung Humor nicht auf Kosten der Behinderten, sondern mit ihrer Hilfe zu verbreiten.“ (RP / ME)
„Fast alle Akteure verfügen über ein auffallendes Gespür für Typisierungen. Und sie sind gute Nachahmer, teilweise mit, egal ob nun bewußt oder unbewußt, spielerisch parodistischer Tendenz, die das sogenannte normale Leben indirekt in Frage stellt.“ (Philotast)
„Geistig Behinderte haben eher ein akustisches Gedächtnis als ein visuelles. Der Organist vom Benninghof, ein geistig behinderter Mensch, erklärte anhand des Manuals und der Fußpedale, wie eine Orgel funktioniert, so dass sich das jeder sofort vorstellen kann. (Chrismon 11, Hamburg)
„Dieses Hörbuch-Projekt betritt ein nur oberflächlich gepflügtes Feld, das nach dem, bezüglich seiner Authentizität, umstrittenen Buch des Autisten Birger Sellin schnell wieder brach fiel. »Zur Sprache bringen...« lässt die scheinbar unliterarischsten, unelitärsten Menschen in einer erzählenden Dokumentation zu Wort kommen – geistig behinderte Menschen.“ (Goon # 8)
„Diese Erzählungen lassen sie für uns zu dem werden, als das wir sie allzu oft nicht wahrnehmen möchten: Menschen!” (www.hoerbuecher4um.de)
Durch Sprache kenntlich werden
A.J. Weigoni, Schriftsteller und Literaturpädagoge, stellt in seinem Originalton-Hörspiel »Zur Sprache bringen…« Bewohner des Benninghofs der evangelisches Stiftung Hephata vor, die im landläufigen Vokabular „Behinderte“ heißen. Das Stück, das Rundfunksender gleichermaßen als Hörspiel und Feature senden können, gibt einen Einblick in den Arbeits- und Freizeitalltag des Heimes, indem es ausschließlich die Bewohner selbst zu Wort kommen läßt, die über ihre Erfahrungswelt sprechen und so als Personen kenntlich werden. Daß sie Auskunft über sich geben können, tut ihnen hörbar gut. Auch die sozusagen therapeutische Wirkung des Projekts, die das Gefühl des Anerkanntwerdens vermittelt, ist nicht zu unterschätzen. Viele der Erlebnisberichte sind von einer starken Unmittelbarkeit und ganz auf die jeweils beschriebenen Situationen bezogen. Indem die Sprechenden, als durchaus selbstbewußte (Selbst)-Darsteller, oft „normal“ wirken, machen sie deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Behinderung und Normalität sind, sofern man nicht beide Begriffe an sich fragwürdig findet.
Fast alle Akteure verfügen über ein auffallendes Gespür für Typisierungen. Und sie sind gute Nachahmer, teilweise mit, egal ob nun bewußt oder unbewußt, spielerisch parodistischer Tendenz, die das sogenannte normale Leben indirekt in Frage stellt. Dies erinnert mich an den einst umstrittenen Film »Auch Zwerge haben klein angefangen« von Werner Herzog, der eben diesen Effekt nutzt. Und es finden sich ausgesprochene, vor allem musikalische, Talente unter den Mitspielern, die das Hörspiel mit ihren Liedern und ihrer Musik mitgestalten. Heinz Stein spielt seit vielen Jahren regelmäßig bei Veranstaltungen Orgel. Manche der Bewohner kann man Berufen zuordnen, die sie zwar nicht ausüben, aber spielen. Neben Sänger und Musiker erscheinen so Nachrichtensprecher und Fußballreporter. Schließlich entsteht durch ihre Sprachfärbung und die Nennung von Ortsnamen ein auch regional geprägter Mikrokosmos.
Freilich schmerzt es, wenn man hört, wie Begabung und Behinderung in einer Person verschmelzen. Der Freizeitbereich des Benninghofs soll nächstes Jahr aus Kostengründen geschlossen werden. „Weil ja sowieso alles für die Katz ist.“, sagt einer der Bewohner so lakonisch wie enttäuscht ob dieser Entscheidung. Menschen kann man nicht schließen. Wer Behinderung in seinem übergreifenden Sinn versteht, den läßt dieses Hörspiel auch darüber nachdenken, weshalb die Gesellschaft zunehmend soziale Behinderungen und damit sozial behinderte Menschen produziert, denen man in den Städten immer häufiger begegnet, und die sich, einmal abgeglitten, nur schwer oder gar nicht wieder integrieren lassen.
Holger Benkel






zurück
RSS-Feed



