Point Whitemark

Deutschland (2001-)

Regie: Volker Sassenberg, Buch: Bob Lexington, Sprecher: Gerrit Schmidt-Foß, Sven Plate, Kim Hasper, Jürg Löw, Andreas Becker, Tanja Kuntze, Isabella Lewandowski
Erschienen bei: Karussel
Preis: ca. 6,95€ je CD Point Whitmark bei Amazon.de

Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor: Drei dynamische Juniordetektive lösen in einer amerikanischen Kleinstadt ungewöhnliche Kriminalfälle, schlagen sich mit vermeintlichen Monsten herum, und gehen zwischendurch auch mal auf eine abenteuerliche Schnitzeljadgd. Nein, die Rede ist ausnahmsweise nicht von den drei ???, sondern von einem aufstrebenden Konkurrenztrio aus einem verschlafenen Nest an der Küste New Hampshires. Bei Tag sind Jay Lawrence, Derek Ashby und Tom Cole ganz normale Primaner, sobald die Schule aus ist verwandeln sie sich aber in echte Vollblutreporter. Für Point Whitmark, den Radiosender der so heißt wie die Stadt, betreiben die Jungs investigativen Journalismus der Sonderklasse. Mal tauchen sie in die Bucht der 22 Schreie hinab, dann geht es tief die nördlichen Minen oder sogar in die Kammer des schweigenden Ritters. Da soll einer sagen, Pressearbeit wäre nicht aufregend.

Schon bevor sie in ihr erstes Abenteuer verwickelt werden ist klar, dass Jay, Derek und Tom zu Höherem berufen sind. Als Star- und alleinige Reporter des örtlichen Radiosenders versorgen sie ihre Heimat täglich mit ungewöhnlichen Reportagen und einer Musikselektion die das gesamte Spektrum von Fahrstuhl- bis Kaufhausmusik abdeckt. Als die Jungs jedoch beginnen den drei Jahrzehnte zurückliegenden Schiffsuntergang des mysteriösen Frachters Albacore an der Küste von Point Whitmark zu untersuchen, scheinen sie im wahrsten Sinne des Wortes die Geister der Vergangenheit zu beschwören, denn nicht nur die lokale Legislative findet Missfallen an den Ermittlungen der Rundfunkbengels. Ist es wirklich möglich, dass das Trio den ewigen Schlaf der ertrunkenen Seeleute gestört hat, oder gibt es eine rationale Erklärung für all die unerklärlichen Phänomene mit denen sich Derek, Jay und Tom plötzlich herumschlagen müssen? Soviel steht fest, am Ende des Abenteuers sind unsere Helden nicht nur um einige Erfahrungen, sondern auch um ein neues Hauptquartier im städtischen Leuchtturm reicher.

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Und damit ist das Setup komplett. Ein ikonisches Hauptquartier, eine Stadt voller unkonventioneller Verbrecher, und (auf den ersten Blick) übernatürliche Ermittlungen in bester Scooby Doo-Manier. Die perfekte Grundlage also, für zahlreiche aufregende Abenteuer mit einem sympathischen Heldengespann. So liebenswert die Jungs jedoch sind, wirken sie im Vergleich zur direkten Konkurrenz aus Rocky Beach etwas schwammig charakterisiert. Sprücheklopfer Jay ist das Hirn der Truppe, Tom der Mac Gyver und Derek der Actionheld. Viel mehr erfährt der geneigte Hörer über die Protagonisten nicht, und eine klare Aufgabenverteilung scheint es in der Truppe auch nicht zu geben. Alle drei Helden sind gleichwertig und ergänzen sich perfekt, wirken in ihren Verhaltens- und Sprachmustern aber manchmal etwas homogen. Hin und wieder gibt es natürlich Situationen in denen die individuellen Talente unserer Helden gefragt sind, aber zumindest auf hierarchischer Ebene wirken die Jungs oft austauschbar.

Aber ist das ein Nachteil? Nicht unbedingt, denn so sehr die strikte Hierarchie der drei ??? zum Flair jener Serie beiträgt, beweisen die Knaben aus Point Whitmark dass es durchaus Vorteile hat, wenn im Konzept der Serie kein klarer Hauptcharakter definiert ist. Jay, Derek und Tom sind ein äquivalentes Team, in dem es weder einen Anführer noch einen Sidekick gibt. Außerdem verleihen die Sprecher ihren Figuren dermaßen viel Persönlichkeit, dass sie für den Hörer schnell zu liebgewonnenen alten Bekannten werden. Und das ist, gerade in einem Komfortmedium wie dem Hörspiel, eine Menge wert.

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Und was ist mit der Handlung? Eine ganze Menge! Die meist hervorragend ausgearbeiteten Fälle bestechen durch fantasievolle Ideen, einen sorgfältig bemessenen Gänsehautfaktor und einen bewundernswerten Mut zur Düsternis. Wenn man bedenkt, dass sich diese Serie in erster Linie an ein vorpubertäres Publikum richtet, ist es um so beeindruckender welche Themen Autor Bob Lexington anschneidet. Würden sich die zahlreichen anderen, dienstälteren Juniordetektive aus Konkurrenzserien jemals mit Massenmördern anlegen? Wohl kaum! Aber Jay, Tom und Derek haben genug Mumm um diese und zahlreiche andere Herausforderungen spielend zu bewältigen. Und das ist nicht der einzige Grund warum die Bengels auch die mittlerweile angegrauten Eminenzen unter der Hörerschaft in ihren Bann ziehen können. Akribisch konstruierte Plots, eine gewaltige Portion Wortwitz und gelungene Reminiszenzen an Geistergeschichten und Horrorfilme lassen selbst dem zynischsten Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren.

Ohne einen guten Regisseur wäre aber auch das beste Drehbuch wertlos, und mit Volker Sassenberg (bekannt durch die Mysteryserie Gabriel Burns) sitzt der perfekte Mann für diesen anspruchsvollen Job am Mischpult. Sassenberg taucht die Geschehnisse in eine bombastische Geräuschkulisse ein, die stets zur Situation passt. Mal ist es realistisch, mal entspannend und oft sogar extrem unheilvoll. Sassenberg weiß genau wie er eine beklemmende Atmosphäre erzeugt ohne den Hörer mit einem übertriebenen Effektfeuerwerk zu bombardieren. Sogar die Actionszenen, ihres Zeichens eine der größten Krücken des Audiomediums, kommen alles andere als fußlahm daher. Sogar der Erzähler wird erfreulich zweckdienlich eingesetzt und mutiert relativ selten zum enigmatischen Expositionsonkel. Hin und wieder, man denke nur an Episode 18: Im Sog der Sirenen, entwickelt der alte Herr zwar eine schwatzhafte Ader, aber im großen und ganzen weiß er, wann Schweigen Gold ist. Und da die Protagonisten ihren Anteil vom Expositionskuchen mit Hilfe ihrer Radioreportagen aus dem Weg schaffen, beschränkt sich auch die Anzahl der deskriptiven Dialoge auf ein angenehmes Minimum. Szenen in denen die Helden sich gegenseitig ihre Umwelt in blumiger Ausführung beschreiben kommen erfreulich selten vor.

Nach etlichen Vertriebsquerelen haben die Herren Lawrence, Cole und Ashby nun beim Hörspiellabel Karussel ein neues Zuhause gefunden. Und neben der Wiederauflage der 15 Episoden die zwischen 2001 und 2004 unter anderer Flagge publiziert wurden, erscheinen seit kurzem auch brandneue Folgen. Einen besseren Zeitpunkt um ins Programm des unkonventionellen Radiosenders reinzuhören gibt es also nicht. Da die Episoden in sich abgeschlossen sind, und keinerlei Vorwissen vom Zuhörer verlangen ist Point Whitmark sowohl für Sammlernaturen als auch für Quereinsteiger ein echter Ohrenschmaus. Wer guten Eskapismus sucht, weiß welchen Sender er einschaltet: Den, der so heißt wie die Stadt!

Episoden:

* 1) Die Bucht der 22 Schreie
* 2) Die rote Hand des Teufels
* 3) Die Insel der letzten Rache
* 4) Das Haus der vergifteten Bilder
* 5) Tief in den nördlichen Minen
* 6) Das kalte Phantom
* 7) Das Grab aus Wüstensand
* 8) Am Berg der Nebelspinne
* 9) Das Buch des Grauenjägers
* 10) Der Schattenadmiral
* 11) Die Nacht der ewigen Fliegen
* 12) Im Bann der Totenmelodie
* 13) Die Würfel des Hexenmeisters
* 14) Die Kammer des schweigenden Ritters
* 15) Das Geheimnis des Scherbendiebes
* 16) Die Zeit des Knochenfängers
* 17) Der steinerne Fluch
* 18) Im Sog der Sirenen

Text Copyright 2007 Peter Clausen

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