
Die Frage "Woher kann ein Bischof so gut küssen?" wird unstrittig von Eva
Kurowski beantwortet. Während man bei Elmar Steinrückens akustischen Western den Gebrauch von Pfeil und Bogen erlernen kann, kämpft Helge Schneider mit den Tücken eines Anrufbeantworters.
Fortzuhören ist schwieriger, als fortzublicken. Die Dimension des
Akustischen ist das Ausmaß der Unfreiheit. Als Hörende sind wir unfrei. Wir sind alle Ohryeure*. In das geöffnete Ohr verschwindet gesprochene Sprache, die sich in Erinnerungsräume einnisten kann, die verschwindet. Aber Sprache
verschwindet nicht immer spurlos, denn sie kann aufgerufen und erinnert
werden, sie kann durch einen Mund- oder Schriftraum mitgeteilt werden. Hören bedeutet Eintauchen, es birgt ein Potenzial an Regression, so dass sich der Hörer im besten Fall an den tiefsten Orten seines Wesens berührt fühlt. Das
Gehör ist der erste Sinn, der sich im Mutterleib bildet, und der letzte, den
der Sterbende verliert. Die Faszination des Hörbuchs geht über die Lust an
Geschichten hinaus und reicht, anthropologisch betrachtet, sehr tief.
Im Zeitalter der so genannten "Neuen Medien" erreicht man das Publikum
schwer mit Büchern. Wir erleben einen zunehmenden kulturellen
Analphabetismus, den auch die Indifferenz verursacht, zu der die modernen Vereinfältigungsmedien verleiten. User leben eine Kultur der Ungeduld. Sie wissen, wie man etwas findet, aber sie wissen eigentlich nicht was sie finden möchten. Das Betriebssystem für die elektronischen Medien ist das Lesen. Das Betriebssystem für das Lesen ist die Sprachkompetenz. Das
Betriebssystem für das Hören ist Aufmerksamkeit; eine knappe Ressource.
Wer nicht hysterisch über Kunst und neue Medien sprechen will, braucht nicht in einen naiven Realismus zu verfallen. Es gibt auch dazu eine Alternative, die nicht minder rational ist: die medienarchäologisch genaue Analyse jener Änderungen der Wirklichkeit, die sich auf dem Weg von den einstige Analogmedien wie Rundfunk oder Telefon zum Digitalmedium Computer ereignet haben.
Auch davon erzählt Helge Schneider "Nächtlicher Anruf", ein
Kurzhörspiel des Mülheimers, das nur auf dieser CD erschienen ist.
Matthias Hagedorn
Die Do-CD "Ohryeure" ist nurmehr in wenigen Exemplar erhältlich:
info@tonstudio-an-der-ruhr.de



zurück
RSS-Feed



